"Mehr Respekt vor den Leistungen der ArbeitnehmerInnen"

"Mehr Respekt vor den Leistungen der ArbeitnehmerInnen"Interview mit Rudi KaskeKollege Kaske, als AK-Präsident forderst du mehr Gerechtigkeit. Warum?
Gerechtigkeit ist der Kompass, an dem ich mich immer orientiere. Mir geht es um Gerechtigkeit in der Arbeitswelt. Ich will mehr Respekt vor den Leistungen der ArbeitnehmerInnen und mehr gute, sichere Arbeitsplätze. Ich will auch, dass die Steuern gerechter verteilt werden und den ArbeitnehmerInnen mehr Geld im Börsel bleibt. Für unsere Jungen will ich bessere Chancen in der Bildung.

Ist eine Steuerreform finanzierbar?
Ja, man muss nur wollen. Es geht, wenn große Vermögen einen gerechten Beitrag leisten. Bisher werden die ganz großen Vermögen kaum angetastet, ArbeitnehmerInnen leisten dagegen den größten Teil zum Steuerkuchen. Das reichste eine Prozent besitzt 469 Milliarden Euro, das ist mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens in Österreich. Da ist für mich klar: Es braucht mehr Verteilungsgerechtigkeit. Wer über eine Million Euro besitzt, kann es sich leisten, einen Teil davon als Vermögenssteuer zu zahlen.

Was sagst du zu den Rufen nach einer Erhöhung des gesetzlichen Pensionsalters?
Da gibt es von mir eine ganz klare Absage. Unsere Pensionen sind sicher – auch für die heute Jüngeren. Die ArbeitnehmerInnen haben in den in den letzten Jahren viele Pensionsreformen mitgemacht. Ich will keine Einschnitte mehr für die Menschen. Das sage ich auch jenen, die das Pensionsantrittsalter der Frauen vorzeitig anheben wollen. Die Frauen sollen sich auf das verlassen können, was man ihnen versprochen hat. Für unter 50-Jährige gilt die Angleichung des Pensionsalters ab 2024 ohnehin schon jetzt. Das reicht.

Was erwartest du dir in dieser Frage von der Wirtschaft?
Ältere ArbeitnehmerInnen sollen länger und gesund arbeiten können, da müssen endlich die Unternehmen in die Pflicht genommen werden. Es geht darum, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Ein Bonus-Malus-System ist dafür ein wichtiger Schritt. Es gibt Betriebe mit über hundert Beschäftigten, die keine einzige Person über 55 beschäftigen. Das ist absolut inakzeptabel. Es braucht alternsgerechte Arbeitsplätze und Gesundheitsförderung in den Betrieben. Das gesetzliche Pensionsalter darf aber nicht angehoben werden, das wäre angesichts der Situation am Arbeitsmarkt zynisch.

Dir geht es um Respekt vor den Leistungen der ArbeitnehmerInnen. Was heißt das für dich?
Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr haben die Beschäftigten rund 300 Millionen Überstunden geleistet. 69 Millionen davon wurden aber nicht bezahlt. Das muss abgestellt werden. Es ist ungerecht für jeden einzelnen, der für seine Arbeit kein Geld bekommt. Und umgerechnet: Würde jede bislang unbezahlte Überstunde beschäftigungswirksam werden, würde das eine Arbeitsmarktchance von rund 40.000 Jobs bedeuten. Das heißt, ich erwarte mir von den Betrieben Fairness und dass sie ihren Beitrag leisten – bei den Lehrstellen für die Jungen ebenso wie bei den alternsgerechten Arbeitsplätzen für die Älteren.

Du hast Lehrstellen angesprochen: Was sind aus deiner Sicht die größten Baustellen in der Bildungspolitik?
In den letzten Jahren ist viel für bessere Ausbildung geschehen. Jetzt heißt es dranbleiben. Wir dürfen bei der Bildung der jungen Leute nicht sparen. Das fängt schon bei der Kinderbetreuung an. Ein zweites Gratis-Kindergartenjahr wäre da der wichtigste Schritt. Das ist auch für Eltern enorm wichtig, die Vereinbarkeit mit dem Beruf ist sonst kaum möglich. Ich sage: Jetzt in Kinderbetreuung investieren. Mit 100 Millionen jährlich gibt es nicht nur mehr Plätze, sondern auch über 30.000 neue Jobs.

Das Problem mit der Betreuung hört auch in der Schule nicht auf. Warum sind dir Ganztagsschulen so wichtig?
Familien sollen die Zeit, die sie gemeinsam haben, nicht mit Lernen und Hausaufgaben verbringen müssen. Kinder sollen die Zeit zu Hause genießen können und in der Schule die richtige Unterstützung beim Lernen bekommen. Für die Eltern wäre das auch eine massive finanzielle Entlastung. Derzeit zahlen sie 101 Millionen Euro Nachhilfe, um ihre Kinder durchzubringen. Das muss sich ändern.